Mädchen bleibt Mädchen bleibt Mädchen macht müdchen

Ich bin immer wieder erstaunt, dass ich immer wieder so erstaunt bin über ältere (heißt: ab Mitte 50) Männer in Machtpositionen, in Redaktionen zum Beispiel, die sich für ach so fortschrittlich halten und brav sogenannte feministische Themen abarbeiten, aber nicht merken, wie sie in ihrem eigenen Kommunikationsverhalten gönnerhaft-paternalistisch uralte Stereotype reproduzieren und aus jeder Zeile das offenbar tief in ihrem Unbewussten abgespeicherte “Mädchen, ich erklär dir jetzt mal was” triefen lassen, oder auch das “Mädchen, hast du da irgendwelches random Zeug aufgeschrieben, das du erlebt hast [note: da geht es ja schon los, von dem ich dir unterstelle, dass du es selbst erlebt hast weil Mädchen nämlich immer nur so Selbsterlebtes aufschreiben ohne Zusammenhang und sie können auch keinen Zusammenhang dazwischen herstellen weil sie nämlich nicht denken können und 1+1 nicht zusammenrechnen können und das bleibt immer alles so innerlich und so zerrissen und so zerfetzt und blablabla]” oder auch “Mädchen, was wir hier machen, muss mehr nach außen gewendet sein”, denn merke: “Mädchen” ist nämlich was, was immer so in sich bleibt und im Hausinnern und hübsch aus dem Fenster guckt und so und Mädchen versteht nicht, dass die Welt aber da draußen ist und Mann denkt, dass es einen ganz eindeutigen, klaren Unterschied gibt zwischen diesem “Innen” und diesem “Außen” und dann muss Mann das der kleinen Doofen aber mal erklären, dass sich die ganze Welt aber nur für das interessiert, was er das “Außen” oder “Nachaußengerichtete” nennt und nein es ist gänzlich undenkbar, dass Manns Lektürevermögen selbst ein bisschen eingeschränkt ist, dass es denkende Wesen auf dieser Welt geben könnte, die diesen angeblichen Unterschied zwischen “Außen” und “Innen” anders denken, weil sie anders auf ihn gestoßen werden jeden einzelnen Tag nein das kann nicht sein denn Mann versteht ja die Welt und wie es sich mit ihr verhält und Mädchen bleibt Mädchen bleibt Mädchen

Und wenn ich einfach wieder anfinge damit, die Dinge aufzuschreiben, die Dinge zu schreiben. Ich verspüre einen starken Drang nach Kartographierung, Aufzeichnung, Archivierung, vielleicht auch: Sezierung. Dagegen: Das Unbehagen, das mich überkommt, wann immer ich denke, jetzt musst du dir etwas ausdenken. Du bist jetzt ein erwachsener Mensch, von erwachsenen Menschen wird erwartet, dass sie sich  Dinge ausdenken. Ich will mir nichts ausdenken. Ich will, dass das, was schon da ist, zu mir spricht. Oder: Ich will hören können, was und wie es spricht. Oder: Ich will es so lange betrachten, bis es etwas anderes geworden ist. Vielleicht auch: Es ist die Sprache, der ich vertrauen können muss, wenn es darum geht, den Boden einer Geschichte zu betreten. Kann ich der Sprache nicht vertrauen, gibt es nichts, was mich darin hält.

Besuch

Ich schlafe zur Zeit nicht besonders gut, oft befinde ich mich in einer Art Halbschlaf, oder einer Art Schlaf, die unterbrochen wird von kurzen Momenten Bewusstseins, und so sind auch meine Träume, unterbrochen von kurzen Momenten, in denen ich weiß, dass ich träume; heute träumte ich von einem Autor eines Textes, in dem Chopin, Schubert und die Worte „Anfang“ und „Ende“ vorkamen, auf irgendeine Weise war, ich erinnere mich nicht, wie genau, Chopin mit „Anfang“ verbunden und Schubert mit „Ende“, aber es war weder ein Text über Chopin, noch ein Text über Schubert, es war ein literarischer Text, der auch vom Klavierspielen handelte, er begeisterte mich sehr, und dann fiel mir plötzlich auf, dass ich diesen Text ja einfach kopieren könnte, es wäre zwar eine Art Plagiat, aber niemand würde je davon erfahren, ich könnte ihn unter meinem Namen veröffentlichen und niemand würde je wissen, dass er in Wirklichkeit von jemand anderem stammte, jemandem, der niemals würde aufwachen können aus meinem Traum, jemandem, der in einer Welt lebte, zu der von dieser, genau dieser Welt aus nur ich Zugang hatte, was nicht hieß, dass nicht von anderen Welten aus auch andere Zugang zu der Welt des Autors haben könnten; einsam schien er mir durchaus nicht, ich war bei ihm wie auf Besuch, und ging wieder, wie man eben geht, wenn man einen Besuch gemacht hat.

Japan und Deutschland, dazwischen Briefe

Literatur als Feminismus, Schreiben unter dem Zeichen “Frau”, Schreiben in Japan bzw. in Deutschland: Als die Schriftstellerinnen Yui Tanizaki und Lilian Peter sich 2019 in Kyoto kennen lernten und ins Gespräch miteinander kamen, entstand eine spontane Freundschaft, an die sie nun, eineinhalb Jahre später, wieder anknüpfen – diesmal in ihrer jeweiligen Mutter- und Schreibsprache, in Form von Briefen, die von den Literaturübersetzerinnen Miho Matsunaga und Isolde Kiefer-Ikeda übersetzt werden und fortlaufend erscheinen. Dieser Briefwechsel ist zu keinem Zeitpunkt privat, sondern von Anfang an eingeschrieben in einen öffentlichen Raum, in Fragen des Übersetzens und Übersetztwerdens zwischen den Kultur- und Zeichensystemen des Japanischen und des Deutschen. Ein literarisches Experiment im Spannungsverhältnis zwischen persönlicher Adressierung, Übersetzung und instantaner Veröffentlichung.

Inzwischen sind 4 Briefe online: https://www.goethe.de/ins/jp/de/sta/kyo/olk/prd/bpt.html

Freitag 24. Juli, München, bewölkt

Gestern im Wesslinger See schwimmen gewesen, zwei Tage vorher im Staffelsee, ich muss es leider anerkennen nach zwanzig Jahren Nichtmehrwohnhaftigkeit in Bayern, dass Bayern einfach sehr schön ist, und wenn jetzt wieder jemand sagt, aber die Brandenburger Seen, dann sage ich, jaja, jaja, jaja. Aber. Jaja. Vor ein paar Wochen habe ich für einen Tagungsband einen Text übersetzt zum Thema jüdische Erinnerungskultur, in einem anderen Text für denselben Band, den ich zur Einarbeitung in die Terminologie gelesen habe, ging es um das Erinnern in christlichen versus in jüdischen Kontexten, vielleicht war das das erste Mal, dass ich als These aufgeschrieben gesehen habe, was mich lange schon beschäftigt, nämlich dass das Erinnern in der christlichen Kultur eigentlich ein Vergessen ist, ein Einschließen, ein Nichtakzeptierenkönnen der Lebendigkeit von Erinnerung, und dass sie nie bleibt, was sie ist,  ein Aufhebenwollen im Begriff, im Griff dessen, was man für die Wahrheit der Gegenwart hält, und damit eigentlich ein Vom-Leib-Halten, während es im Judentum immer um das lebendige Erinnern geht, um das Sich-selbst-nie-Gleichbleiben der Erinnerung, um das Einlassen des Eigenlebens der Erinnerung in die Gegenwart. Vor ein paar Jahren bot ich einmal einem Radioredakteur einen Essay an, eine seiner Begründungen, warum er ihn nicht senden wollte, war, dass ich mich darin mit dem Frauenhasser Euripides beschäftigte, denn „wir wollen ihn doch vergessen“, er verstand nicht, warum man das aufwärmen sollte, und ich verstand nicht, wie man ernsthaft denken kann, die Dinge würden sich erledigen, wenn man sich nur nicht mehr erinnert. Vorgestern wurde bekannt, dass Esther Kinsky den 2020 erstmals ausgeschriebenen Sebald-Preis erhält, für einen Text, der sich mit Gedächtnis und Erinnerung beschäftigt, der Bachmann-Preis ging in diesem Jahr an Helga Schubert, für einen Text, der sich mit Gedächtnis und Erinnerung beschäftigt, der Büchner-Preis ging an Elke Erb, deren Arbeit sich ebenfalls mit Gedächtnis und Erinnerung beschäftigt, und ich frage mich, ist es Zufall, dass es im christlich geprägten/überformten Kulturgewebe vor allem Frauen zu sein scheinen, die sich mit der Frage des Schreibens von Erinnerung beschäftigen, mit der Frage der Formmöglichkeit von Literatur, die sich mit Erinnerung beschäftigt, und hat das alles etwas damit zu tun, dass „Weiblichkeit“ im klassisch-christlich-philosophischen Denken mit denselben Assoziationen belegt wurde, mit denen auch „Jüdischsein“ belegt wurde, es ist sehr interessant, dass sich hierzulande plötzlich ein Raum aufzutun scheint für dieses „Schreiben des Anderen“ oder „andere Schreiben“, sehr interessant ist das, lernt der deutschsprachige Diskurs am Ende noch das Lesen, das wäre ja was, das wäre wirklich was, und das hat auch etwas mit Wasser zu tun, denn alles hat etwas mit Wasser zu tun, mit dem Flüssigen, Überflüssigen, usw. (“Badengehen”, “ins Wasser fallen”, “in etwas schwimmen”: sagt man so, wenn man meint, etwas finde nicht statt oder sei beendet oder man sei mit etwas reingefallen oder man sei orientierungslos, aber hat man sich je um ein Denken des Wassers bemüht, um das Denken des Badengehens, Ins-Wasser-Fallens, Schwimmens?)

streeruwitz, durst & verdunsten

Ich habe zwei Romane von Streeruwitz gelesen, den Namen habe ich vor 2 Jahren das erste Mal gehört, weil meine Cousine mir ein Buch von ihr in die Hand drückte, und wie vielsagend ist das denn bitte, wie kann es denn sein, dass ich den Namen Marlene Streeruwitz noch nie gehört hatte, aber ja, es kann leider gut sein, am Deutschen Literaturinstitut Leipzig tauchten damals (wie man inzwischen schon sagen muss, also zwischen 2012 und 2014) nur Namen auf wie Ferdinand Céline, Alfred Döblin oder oder, oder oder, oder oder bla, ich muss sie nicht erneut aufzählen, und als ich also anfing, Streeruwitz zu lesen, dachte ich erst, nee, nee, nicht ganz mein Geschmack, und dann habe ich weitergelesen und fand es so gut, dass ich gleich ein weiteres Buch gelesen habe, und das fand ich dann sogar noch besser, weil es bei aller österreichischen Bösartigkeit (nicht so scharf wie Jelineks) sehr sehr lustig ist, wenn es zum Beispiel heißt „ … ich wollte etwas zitieren, aber jetzt liegt das Buch nicht mehr hier, wo ist es denn, wo sind denn die Bücher, wenn man sie braucht, dann sind sie immer gerade nicht hier, aber es ist auch sehr heiß, vielleicht ist es baden gegangen, oder vielleicht bin ich baden gegangen, ich sagte ja schon: Mein Kopf sammelt das Wasser, wo er es findet, manchmal geht er baden in seinen eigenen Gewässern, und dann findet er die Bücher nicht mehr, und woher weiß man, ob die Bücher, die man gelesen hat, mal im eigenen Kopf gewesen sind, oder ob nicht vielmehr der eigene Kopf in den Büchern gewesen ist, Yoko Tawadas Großmutter hat vor dem fremden Wasser gewarnt, das Wasser in Europa sei so anders, und der Körper besteht ja zu 80 % aus Wasser, wird dann ihr Körper, fragt sich Yoko Tawada, wenn er deutsches Wasser trinkt, zu 80 % deutsch, und wird mein Körper, frage ich mich, wenn er Streeruwitz liest, zu 80 % Streeruwitz, und fängt Streeruwitz aber auch gleich wieder an, aus mir herauszusickern, sobald ich das Buch zugeschlagen habe, und fängt das Buch selbst gleich an zu verdunsten, wenn ich es nicht mehr finde, in der Hitze allemal, was soll ein Buch allein bei solcher Hitze, kann es sich selbst etwas zu trinken besorgen, ich glaube nicht, aber was, wenn die Bücher verdunsten verdursten was dann

kann weg:

Samstag, 11. Juli, zaghafter Sonnenschein aber meist bewölkt

Gestern habe ich mir hier noch notiert: „Bescheidenheit ist eine Zier“, und schon kann ich mich nicht mehr erinnern, warum

 

Sonntag, 12. Juli, warm, fast möchte man sagen: heiß, jedenfalls voller Sonnenschein bei wenig Bewölkung

Ich kann mich immer noch nicht erinnern, warum genau ich „Bescheidenheit ist eine Zier“ notiert hatte, aber es hatte etwas mit dem Wort „Dame“ zu tun, dass „Damen“ ja wohl bescheiden sein sollen und eben, ja, eine „Zier“, hübsch und still und stumm, bloß nicht auffallen, „Bescheidenheit ist eine Dame“, könnte man also auch sagen, ich sage, werft sie zum Fenster raus, die Zier und die Bescheidenheit und die Dame mit ihren vornehmen Fingerspitzen, ihren vornehmen Rüschenblüschen, die Dame, die sich in nichts einmischen soll und will und kann und darf, eine Zier ist darüber hinaus etwas, das nur etwas anderes schmückt, aber nicht an und für sich selbst durch die Welt läuft, das kann weg, wie alles weg kann, das… usw. In der ZEIT gab es vor ein paar Tagen einen Text mit dem Titel „Lob der alten Dame“, darin ging es um Elke Erb und Helga Schubert, nett gemeint war dieser Text, und ein bisschen nett war er auch, ganz so nett war er aber in Wirklichkeit letztlich leider nicht, denn zwei in höchst konzentrierter, höchst eigener Weise an der Form und der Erinnerung und der Form als Erinnerung und der Erinnerung als Form arbeitende Schriftstellerinnen werden hier reduziert auf ihr „alte-Dame-Sein“, als wäre es nicht ein Werk, für das sie ausgezeichnet wurden, für das sie geschätzt werden, „Bescheidenheit ist eine Zier“, Zier der alten Dame, für die auch noch der größte Literaturpreis, den man im deutschsprachigen Raum bekommen kann, nicht mehr bedeuten kann, als dass die „Sympathie für die nette Oma“ zum „Lob der alten Dame“ wird. So marginalisiert man ein Werk, so sagt man mehr oder weniger verblümt, was „Damen“ auch heute noch sollen: bescheiden sein, Zier sein, kein eigenes Werk haben können. Meine Herren, diese Form von Literaturkritik KANN WEG.