Nachbarn, Regenmacher

Neben Nachbarinnen, die sich über von meinen gewässerten Pflanzen kommende Wassertröpfchen auf ihren Balkonkastenpflanzen beschweren, gibt es auch Nachbarn, die abends vom Balkon im 4. Stock mit Hilfe eines Gartenschlauchs die große, alte Platane wässern, die vorm Haus steht und gerade begonnen hat, ihre grüne Blätterpracht zu entfalten: Ich saß auf dem Sofa, plötzlich klang es, als hätte es angefangen zu regnen, ich ging auf den Balkon und streckte die Hand aus, spürte aber merkwürdigerweise nichts. Da rief jemand von links: Regnet, wa? Da es dunkel war und ich kaum etwas sah, kapierte ich nicht gleich, dass mein Nachbar einen Witz gemacht hatte, sagte nur, so sieht’s wohl aus, und guckte etwas verwirrt in den Abendhimmel, der eigentlich gar nicht nach Regen aussah. Dann klärte er mich auf: Sie sehn dit nich, wa? Ick hab hier’n Schlauch! Tatsächlich gab es ja aufgrund der Trockenheit wieder den Aufruf, Bürger sollten Bäume wässern, und die Schlauch-Idee meines Nachbarn, für die man nicht mühsam Eimer nach unten schleppen muss, sondern gemütlich von oben Regen erzeugen kann, begeisterte mich so sehr, dass ich gleich beschlossen habe, mir ebenfalls einen solchen Schlauch zuzulegen, und so stehen wir nun in Zukunft vielleicht abends zu zweit, Balkon an Balkon, und verhelfen diesem schönen, knorrigen Riesenbaum, der noch ein Stück über das Hausdach hinaufragt (wie alt mag er sein? ich glaube, sehr alt), zu einem grünen, saftigen Sommer.

Nachbarn, mit und ohne Corona

Ich weiß nicht, ob es nur an Corona liegt und daran, dass neuerdings alle Leute zu Hause sind und sich dadurch möglicherweise besonders stark mit jeglichen Regungen ihrer Nachbarn auseinandersetzen, meine allein auf 95m2 wohnende Nachbarin von unten hat auch früher schon gern sofort und ohne Umstände wegen jedem Mucks geklingelt, zum Beispiel wenn man um fünf Minuten nach 10 noch einen letzten Nagel in die Wand geschlagen hat (Nachtruhe!), oder wenn man mal tagsüber länger gebohrt hat, um ein Regal anzubringen (davon sterben meine Katzen!); hat sie ein Paket für mich angenommen, so kommt sie schon immer gern in genau dem Moment hoch, in dem ich mal für 5 Minuten ein paar Klaviertasten drücke (nur dass du’s weißt, ich weiß, dass du da bist, und höre jeden Mucks! sagt sie nicht, denkt sie aber). Apropos Klavier, einmal fragte sie ernsthaft, wo das Klavier bei mir eigentlich stehe, bei ihr biege sich nämlich an einer Stelle die Decke. Ich weiß nicht, ob sie beruhigt war dadurch, dass ich ihr erklärt habe, dass a) ein Klavier kaum schwerer ist als 2 oder 3 Bücherregale, dass b) eine Decke so konstruiert ist, dass es rein technisch unmöglich ist, dass sie sich aufgrund eines Gegenstands, der auf dem Boden steht, biegt, und dass c) auch bei mir die Decke an manchen Stellen etwas schief und krumm ist, weil das in Altbauten eben so ist. Vor einer Weile hatte ich mal länger Besuch, der (von mir unerlaubter Weise) ein oder zweimal am Fenster geraucht hat, die Nachbarin wies mich viel später darauf hin, dass im Hof genau unter jenem Fenster “immer” Zigarettenstummel gelegen hätten (was nicht sein kann, der Besuch hat dort definitiv nur ein- oder zweimal geraucht). Heute jedenfalls goss ich um etwa 11 Uhr vormittags meine Pflanzen auf dem Balkon, 3 Minuten später klingelte es, ich solle bitte nicht in der prallen Sonne gießen, es würde nämlich “alles” in ihre Pflanzen “platschen”, und die würden dann verbrennen. Tatsächlich kann es sich nur um Tröpfchen gehandelt haben, da a) meine Balkonkästen keine Löcher haben und es sich somit nur um ein bisschen übergelaufenes Wasser gehandelt haben kann, und sich b) zwischen meinen Pflanzen und ihren Pflanzen ungefähr auf halbem Weg, am Fuß meines Balkons, in der Horizontale ein Sims befindet, das das meiste davon aufgefangen haben dürfte; und das mit dem Verbrennen, finde ich heraus dank Google, ist großteils ohnehin eher so etwas wie Unsinn. Die Nachbarin hat im selben Haus schon 3 verschiedene Wohnungen bewohnt, und von einer früheren Nachbarin B, die über der hier beschriebenen Nachbarin A gewohnt hat, weiß ich, dass sie kein Wort mehr mit ihr wechselte, nachdem es einen Rohrbruch gegeben hatte; Nachbarin B konnte nichts für den Rohrbruch, er fand rein zufällig auf der Höhe ihrer Wohnung statt, aber Nachbarin A aus der Wohnung unter ihr grüßte sie daraufhin nicht mehr, mich grüßt sie noch, aber mit einem Blick, als wollte sie mir sagen: Du zerstörst mein Leben! Ach, meine Liebe: Es ist nicht meine Schuld, dass Deine Decke schief und krumm ist, und Wasser bedeutet für Pflanzen nichts als Leben.

Achilleus’ Mutter

Man spricht von der Achillesferse einer Taktik, einer Strategie oder eines Systems: Die Achillesferse, die Stelle, an der die Mutter den Körper (Textkörper) hält und berührt, bezeichnet die undichte, verwundbare Stelle desselben; aber erst dadurch, dass die Mutter (Thetis) den Körper, den sie von sich gegeben hat, den Körper ihres Sohnes (Achilleus), in jenes fließende Zwischenreich taucht, das die Ober- von der Unterwelt trennt (den Fluss Styx), wird der ganze Rest seines Körpers unverwundbar, ein unberührbares Ganzes. Die „Dichtigkeit“, Unangreifbarkeit seines Körperganzen kommt überhaupt nur dadurch zustande, dass eine Stelle undicht und angreifbar bleibt. Die Hand der Mutter steht für dieses „Leck“, diesen „Mangel“, aber die Hand der Mutter (und nicht etwa sein eigenes „Können“) ist es vor allem, die dafür sorgt, dass er als Sterblicher überhaupt beinahe unverwundbar durch die Welt gehen kann.

kosten

Wehe dem Geschlecht, das nach der Frucht greift, wehe dem Schreibwerkzeug, das (sich) versucht: So wird der Apfel fehlbar, so zeugen Kiefer, Zähne und Zunge vom lachenden Spiel mit der Krone der Schöpfung. Auch du, mein Freund, fällst ja nicht weit vom Stamm dieses Baumes. Dass du dir meinen Mund vorstellst als einen, der sich nicht von selbst schließen kann oder soll, als einen, der nirgends hineinbeißen soll, dass du dir meine Lippen vorstellst wie eine allzeit weit geöffnete Pforte zur Unterwelt: Irgendwo muss ja hin, was du von dir gibst, sagst du, aber nein, sage ich, nimm einen Bissen von diesem Apfel, und auch du wirst sehen: Das Köstliche ist etwas, wofür niemand bezahlt.

tuning the strings / striking the keys

fünf minuten und die frage: tuning the strings oder striking the keys? fünf minuten und die frage: schlafen die hunde nicht, streichen sie die saiten oder schlagen sie an? in der grundschule hatte ich ein poesiealbum mit blaumarmoriertem einband, meine lehrerin schrieb dort mit einem füller mit breiter feder hinein: die lebensspanne ist dieselbe, ob man sie lachend oder weinend verbringt (japanische weisheit), seither rätsele ich über diesen spruch, über sein stimmen oder nicht-stimmen, später rätselte ich auch über den hund, der mir auf dem weg, den ich immer geradeausging, mehrfach entgegenkam, aber mit coelho, das sage ich klar und deutlich, habe ich nichts am hut. und eine frage an freud: wenn der hut mit seinem emporgerichteten mittelstück mitunter ein männliches genital darstellt, wie gedeutet im bezug auf den traum einer “jungen, infolge von versuchungssangst agoraphobischen frau” – “ich gehe im sommer auf der straße spazieren, trage einen strohhut von eigentümlicher form, dessen mittelstück nach oben aufgebogen ist, dessen seitenteile nach abwärts hängen (beschreibung hier stockend), und zwar so, daß der eine tiefer steht als der andere. ich bin heiter und in sicherer stimmung, und wie ich an einem trupp junger offiziere vorbeigehe, denke ich mir: ihr könnt mir alle nichts anhaben” –, wie steht es dann mit der hut, weiter  auch mit dem haus, der haut? kann das, was man anhat, einem etwas anhaben, hat es einem automatisch etwas an––

klein lilian mit hut Kopie

lose behauptung über das bild, I

das Bild ist nicht weniger als der Begriff, sondern mehr als es selbst. Der Begriff kann das nicht ertragen. Beauvoir schreibt in ihrem epochemachenden Werk Le deuxième sexe, „Und da sie [die Frau] im Reich der Männer nichts tut, unterscheidet sich ihr Denken, das in keinen Plan einmündet, nicht vom Träumen. Sie hat keinen Sinn für die Wirklichkeit, da sie sich nicht betätigen kann. Sie hat es immer nur mit Bildern und Worten zu tun.“ Nur mit Bildern und Worten. Es ist interessant, dass Beauvoir, bei allem Scharfsinn, den sie sonst an den Tag legt, diese klassische Wertung ganz fraglos übernimmt. Aber ist der Punkt, den sie hier machen will, tatsächlich der, dass die Frau es „nur mit Bildern und Worten“ zu tun habe, oder ist der Punkt nicht viel eher, dass ihr Zutunhaben mit Bildern und Worten, ihr Eingeschriebensein in Bilder und Worte, stets unter dem regulierenden Begriff und den dicken Mauern eines sie und diese Bilder/Worte bewachenden Auges stattfindet, einer sie und diese Bilder/Worte ständig in ihre Schranken weisenden Hand, mit Lektüreinstrumenten, die von vornherein festlegen, dass das Bild, der Traum, das, was die Geschichte als „die Frau“ liest (gemeint ist damit natürlich immer, auch wenn es nie ausgesprochen wird: die weiße, bürgerliche Frau) weniger über die Wirklichkeit zu sagen hat, als… nun ja… als wer oder was eigentlich? Hat nicht die Schrift immer mit dem Traum zu tun? Geht es nicht jedem Text letztlich immer darum, Körper zu werden, ein eigenständiges Wesen, das ganz ist und trotzdem vieltausendporig, ein Etwas mit Händen, Füßen, Herz, Lunge und Mund, ein Körper, der lebensfähig ist und der sich nichts mehr wünscht, als berührt zu werden? Denn Texte, denen man die Körperlichkeit nehmen will, die Resonanzräume ihrer Töne und Klänge, die Stimmungen ihrer vielfältigen Instrumente, Texte, die ihrem Ideal nach nichts offen lassen sollen, sondern deren Gestus derjenige der Schließung ist, sind doch nichts anderes als konservierte Leichenteile im Museum des perfekten Verbrechers, der ausstellt, wo und wie genau er es überall geschafft hat, die Spuren seiner Einbrüche zu tilgen. Ein Ganzes, das keinerlei Öffnungen hätte, könnte gar nicht klingen, niemand würde es hören; ein Ganzes, das keinerlei Öffnungen hätte, wäre nicht einmal ein Ganzes.