kosten

Wehe dem Geschlecht, das nach der Frucht greift, wehe dem Schreibwerkzeug, das (sich) versucht: So wird der Apfel fehlbar, so zeugen Kiefer, Zähne und Zunge vom lachenden Spiel mit der Krone der Schöpfung. Auch du, mein Freund, fällst ja nicht weit vom Stamm dieses Baumes. Dass du dir meinen Mund vorstellst als einen, der sich nicht von selbst schließen kann oder soll, als einen, der nirgends hineinbeißen soll, dass du dir meine Lippen vorstellst wie eine allzeit weit geöffnete Pforte zur Unterwelt: Irgendwo muss ja hin, was du von dir gibst, sagst du, aber nein, sage ich, nimm einen Bissen von diesem Apfel, und auch du wirst sehen: Das Köstliche ist etwas, wofür niemand bezahlt.

tuning the strings / striking the keys

fünf minuten und die frage: tuning the strings oder striking the keys? fünf minuten und die frage: schlafen die hunde nicht, streichen sie die saiten oder schlagen sie an? in der grundschule hatte ich ein poesiealbum mit blaumarmoriertem einband, meine lehrerin schrieb dort mit einem füller mit breiter feder hinein: die lebensspanne ist dieselbe, ob man sie lachend oder weinend verbringt (japanische weisheit), seither rätsele ich über diesen spruch, über sein stimmen oder nicht-stimmen, später rätselte ich auch über den hund, der mir auf dem weg, den ich immer geradeausging, mehrfach entgegenkam, aber mit coelho, das sage ich klar und deutlich, habe ich nichts am hut. und eine frage an freud: wenn der hut mit seinem emporgerichteten mittelstück mitunter ein männliches genital darstellt, wie gedeutet im bezug auf den traum einer “jungen, infolge von versuchungssangst agoraphobischen frau” – “ich gehe im sommer auf der straße spazieren, trage einen strohhut von eigentümlicher form, dessen mittelstück nach oben aufgebogen ist, dessen seitenteile nach abwärts hängen (beschreibung hier stockend), und zwar so, daß der eine tiefer steht als der andere. ich bin heiter und in sicherer stimmung, und wie ich an einem trupp junger offiziere vorbeigehe, denke ich mir: ihr könnt mir alle nichts anhaben” –, wie steht es dann mit der hut, weiter  auch mit dem haus, der haut? kann das, was man anhat, einem etwas anhaben, hat es einem automatisch etwas an––

klein lilian mit hut Kopie

lose behauptung über das bild, I

das Bild ist nicht weniger als der Begriff, sondern mehr als es selbst. Der Begriff kann das nicht ertragen. Beauvoir schreibt in ihrem epochemachenden Werk Le deuxième sexe, „Und da sie [die Frau] im Reich der Männer nichts tut, unterscheidet sich ihr Denken, das in keinen Plan einmündet, nicht vom Träumen. Sie hat keinen Sinn für die Wirklichkeit, da sie sich nicht betätigen kann. Sie hat es immer nur mit Bildern und Worten zu tun.“ Nur mit Bildern und Worten. Es ist interessant, dass Beauvoir, bei allem Scharfsinn, den sie sonst an den Tag legt, diese klassische Wertung ganz fraglos übernimmt. Aber ist der Punkt, den sie hier machen will, tatsächlich der, dass die Frau es „nur mit Bildern und Worten“ zu tun habe, oder ist der Punkt nicht viel eher, dass ihr Zutunhaben mit Bildern und Worten, ihr Eingeschriebensein in Bilder und Worte, stets unter dem regulierenden Begriff und den dicken Mauern eines sie und diese Bilder/Worte bewachenden Auges stattfindet, einer sie und diese Bilder/Worte ständig in ihre Schranken weisenden Hand, mit Lektüreinstrumenten, die von vornherein festlegen, dass das Bild, der Traum, das, was die Geschichte als „die Frau“ liest (gemeint ist damit natürlich immer, auch wenn es nie ausgesprochen wird: die weiße, bürgerliche Frau) weniger über die Wirklichkeit zu sagen hat, als… nun ja… als wer oder was eigentlich? Hat nicht die Schrift immer mit dem Traum zu tun? Geht es nicht jedem Text letztlich immer darum, Körper zu werden, ein eigenständiges Wesen, das ganz ist und trotzdem vieltausendporig, ein Etwas mit Händen, Füßen, Herz, Lunge und Mund, ein Körper, der lebensfähig ist und der sich nichts mehr wünscht, als berührt zu werden? Denn Texte, denen man die Körperlichkeit nehmen will, die Resonanzräume ihrer Töne und Klänge, die Stimmungen ihrer vielfältigen Instrumente, Texte, die ihrem Ideal nach nichts offen lassen sollen, sondern deren Gestus derjenige der Schließung ist, sind doch nichts anderes als konservierte Leichenteile im Museum des perfekten Verbrechers, der ausstellt, wo und wie genau er es überall geschafft hat, die Spuren seiner Einbrüche zu tilgen. Ein Ganzes, das keinerlei Öffnungen hätte, könnte gar nicht klingen, niemand würde es hören; ein Ganzes, das keinerlei Öffnungen hätte, wäre nicht einmal ein Ganzes.

Satzzeichen

Karl Kraus schreibt: Manchmal lege ich Wert darauf, daß mich ein Wort wie ein offener Mund anspreche, und ich setze einen Doppelpunkt. Dann habe ich diese Grimasse satt und sähe sie lieber zu einem Punkt geschlossen.

Th.W. Adorno schreibt: In keinem ihrer Elemente ist die Sprache so musikähnlich wie in den Satzzeichen. Komma und Punkt entsprechen dem Halb- und Ganzschluß. Ausrufungszeichen sind wie lautlose Beckenschläge, Fragezeichen Phrasenhebungen nach oben, Doppelpunkte Dominantseptakkorde…

Th.W. Adorno schreibt: Jedes behutsam vermiedene Zeichen ist eine Reverenz, welche die Schrift dem Laut darbringt, den sie erstickt.

Dies ist das Kanji für “Kind”:

Dies ist das Kanji für “Schriftzeichen, Buchstabe”:

Dies ist das Kanji für “Bildung, Wissen”:

Anleitung für einen ordentlichen Satz: Man nehme ein Kind und setze einen Deckel darauf. Raucht es anschließend aus dem Deckel, so weiß man: Das Kind ist nun gar. Guten Appetit!

Es geht um Faszien

Dieses Alphabet sei über alle Berge: Was, dieses? Es handelt sich nicht um eine Behauptung Blanchots (das ist offenkundig). Aber Entwerkung, desœuvrement, ist wie die Krankheit des abwesenden Platon in Sokrates’ Sterbeszene, ist wie Nietzsches Syphilis (ist wie die Syphilis der Philosophie): Es sind immer noch dieselben Berge, die abgetragen werden. Das Neutrale, le neutre, ist nicht mein erklärtes Ziel. Ziel? Auch wenn der Schuh neu ist, taugt er nicht als Mütze, sagt ein japanisches Sprichwort. Gut, sagen wir: das Neutrale, le neutre, ist nicht, was macht, dass ich gehen muss. Le neutre ist nicht mein Begehr, nicht mein Gang, nicht mein Schreibwerkzeug. Es geht nicht um eine Kopfabdeckung, weder im einen, noch im anderen – gegenteiligen – Sinn. Es geht um diese Körper hier, genau diese: Es geht um Haut, um Außenhaut, um Hautlappen, um Hautlippen, um Unterhautgewebe, aber auch um Faszien. Vielleicht geht es sogar zuallererst um Faszien.

Ein japanisches Sprichwort sagt: Die Güte des Vaters übersteigt die Höhe der Berge, die Güte der Mutter geht tiefer als das Meer.

Die Sphinx ist ein Mischwesen mit dem Kopf und den Brüsten einer Frau, dem Körper eines Löwen und den Flügeln eines Mannes. Sie wohnt auf dem Berg, den du zu erklimmen suchst. Sie bewacht die Stadt, die du beherrschen willst. Löst du ihr Rätsel nicht, verschlingt sie dich. Löst du ihr Rätsel, stürzt sie sich in die Tiefe, aber glaube nicht, dass du deswegen schon weißt, wo deine Mutter wohnt.

In Tokyo gibt es keine Raubkatzen, aber wenn man jemanden nach dem Weg fragt, sagt er, er kennt den Ort nicht, den man sucht.

In Osaka gibt es Raubkatzen. Wenn man sie nach dem Weg fragt, sagen sie: Da, geradeaus! Aber sie kennen den Ort auch nicht.