Berliner Linien, 1

Guten Morgen, meine Liebe. Heute wachst Du zum zweitausendunddreiundzwanzigsten Mal in mir auf. Dein Mann, der morgens eine halbe Stunde vor dir aufsteht und jeden Mucks hört, den du machst, der also sofort weiß, wenn du wach bist, bringt dir Kaffee. Du hast Kopfschmerzen, wie jeden Morgen, bevor du deinen Kaffee getrunken hast. Es ist sieben Uhr vierzig, auf der Straße brüllt jemand. Du öffnest den Laptop, rufst Mails ab. Karla, von der du lange nichts gehört hast, weswegen du auch ein bisschen sauer auf sie bist, obwohl du dich bei ihr auch nicht gemeldet hast, aber sie hat sich ja bei dir auch nicht gemeldet, sucht eine Wohnung zu einem Preis, der schon ein bisschen von vorgestern ist, wie du sofort denkst, als du die Mail liest, aber von einer Wohnung zumindest weißt du was, wenn auch nichts von ihrem Preis, sie ist unweit deiner Wohnung, die sich in einer sehr guten Lage befindet, was bedeutet, dass du selbst dich ebenfalls in einer sehr guten Lage befindest, und wie alle Menschen, die sich in einer sehr guten Lage befinden, auf welchen Wegen, Abwegen und Umwegen auch immer sie da hingekommen sind, bist auch du zumindest ein bisschen überzeugt davon, dass nicht du an dieser Lage liegst, sondern dass diese Lage an dir liegt, weil du sie verdient hast, und du schreibst Karla also, wem sie schreiben muss, um auch in den Genuss einer solch bevorzugten Lage zu kommen, aber dass sie sich keine Illusionen machen soll, denn Lage habe natürlich ihren Preis. Du schreibst das noch halb im Schlaf, aber während du dieses ‚natürlich‘ schreibst, genießt du dieses ‚natürlich‘ ein klein wenig, ich kenne dich, schließlich wohnst du in mir, du kannst mir nichts vormachen, jetzt sei doch nicht gleich beleidigt, he, warte doch mal, ich falle ja gleich von deinem Gepäckträger, sag mal, kann es sein, dass du ohne mich hier wohnen willst, oder wem zeigst du gerade den Stinkefinger?

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Berliner Linien, 4

Und du, ja du, wie geht es dir? Heute nachmittag triffst du eine Freundin aus Amerika, die gerade für ein Jahr hier ist, hier, aber das Jahr ist jetzt fast vorbei, ihr werdet euch noch zwei-, vielleicht dreimal treffen, dann nimmt sie einen Flug zurück, und jemand anderes nimmt dafür einen Flug hin. Als sie ankam, war Trump gerade zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden, es wurde spät, und sie sagte wieder und wieder, dass du und überhaupt ihr alle hier gar nicht wüsstet, was ihr an Merkel hättet, und dass ihr dankbar sein solltet, und du hast immer wieder gesagt, dass du nicht glaubst, dass Dankbarkeit eine politische Haltung ist, und sie hat immer wieder gesagt, ihr wisst nicht, was ihr habt, ihr solltet dankbar sein, und du hast immer wieder gesagt, dass du nicht glaubst, dass Dankbarkeit eine politische Haltung ist, und sie hat immer wieder den Kopf geschüttelt und gesagt, ihr wisst nicht, ihr wisst nicht, und irgendwann hast du nichts mehr gesagt. Und jetzt, bei eurem vielleicht vorletzten Treffen, bevor sie abreist, wird sie dir erzählen, wie dankbar sie ist für dieses Jahr, und wieviel sie gelernt hat in diesem Jahr, und wenn du sie fragst, was denn zum Beispiel, wird sie sagen, nun, zum Beispiel, wieviel von dem, was man so sagt von Berlin, gar nicht stimmt, und wenn du fragst, was denn, wird sie sagen, nun, zum Beispiel, dass Neukölln ein früherer Ostbezirk ist, niemand weiß das, alle sprechen davon als diesem coolen früheren Ostbezirk, wo alles noch so einen heruntergekommenen Charme hat, und wenn du sie fragst, wer niemand ist, oder alle, oder man, wird sie dich kurz irritiert anschauen und dann sagen, naja, … Americans, I guess?

Dingfest

Heute morgen stand die Polizei vor meiner Tür und zeigte mir ein paar Dinge, von denen sie behauptete, meine Mutter hätte sie gestohlen, und meine Mutter wohne ja in meiner Wohnung, wie jeder wisse, weshalb sie nun also gekommen sei, um meine Mutter festzunehmen. Ich fragte, wie es denn sein könne, dass meine Mutter diese Dinge gestohlen habe, da sie sich ja offensichtlicherweise in den Händen der Polizei befänden. Die Polizei sagte, ich hätte eine merkwürdige Logik, evidentermaßen hätte sie diese Dinge beschlagnahmt, gerade damit meine Mutter sie in Zukunft nicht mehr stehlen könne, und brächte sie nur für mich zur Ansicht vorbei, weil sie die Hoffnung hätte, dass meine Mutter sich gleich zu erkennen geben würde, wenn sie von diesen Dingen sozusagen auf frischer Tat ertappt würde, denn die Dinge würden ja sicherlich auch diesmal nicht die Finger von ihr lassen können. Interessant, sagte ich, und bat die Polizei herein. Ich bat sie, sich zu setzen und brachte ihr Limonade und Kekse. Sie blieb wohl einige Stunden, war sehr freundlich und stellte alle Fragen, die sie hatte, jedenfalls glaube ich das, wobei es schwer ist für mich, genau genommen unmöglich, zu wissen, was „alle Fragen“ sind, und was es überhaupt bedeutet, Fragen zu „haben“. Ich glaube, in Wahrheit ist es nicht so, dass ein Mensch Fragen hat, sondern so, dass Fragen einen Menschen haben. Das habe ich auch der Polizei so gesagt, und sie hat mir zugestimmt, jedenfalls schließe ich das aus der Tatsache, dass sie gar nicht mehr gehen wollte, sondern sich auf meinem Sofa sehr wohlzufühlen schien, obwohl sie meine Mutter in der Wohnung nirgends finden konnte. Dass sie sich das schon gedacht hätte, sagte sie, denn meine Mutter hätte ja diese Fähigkeit perfektioniert, also die Fähigkeit des Verschwindens: Ja, sagte ich, sie wohnt ja nirgends, entsprechend können Sie sie auch nicht finden. Wo sie denn schon überall gesucht hätte, fragte ich: Überall, sagte sie, absolut überall.

Besinnungstage im Kellerraum (Auszug)

Wir schreiben das Jahr 1989, wir schreiben eine Insel im Golf von Guinea, die eine Schiffstunde von Accra entfernt liegt und Krautinsel heißt. Was so gut wie niemand weiß: Die Inseln Herrenchiemsee, Fraueninsel und Krautinsel strebten im 19. Jahrhundert nach Unabhängigkeit vom Chiemsee, weshalb sie kurzerhand nach Afrika ausgewandert und auf Umwegen in Accra gelandet sind, wo sie jedoch an Schnappatmung litten, weil sie das Leben im Wasser gewohnt waren, weshalb sie vor Accra ein Piratenschiff kaperten und etwa eine Stunde in Richtung Süden segelten. Dann sprangen sie ins Wasser und überließen das Schiff seinem Schicksal, das herrenlos weitersegelte; sein Verbleib ist unbekannt. Die Inseln liegen seither ein paar Meilen vor Ghana. Dass man sie auf Landkarten dort nicht findet, liegt daran, dass der königliche Freistaat Bayern die Existenz dieser Inseln, das heißt genau genommen die Tatsache, dass sie schon seit weit über einem Jahrhundert nicht mehr im Chiemsee liegen, sondern im Golf von Guinea, bis heute offiziell leugnet, und da der königliche Freistaat Bayern sehr mächtig ist und sehr gute Kontakte sowohl zu Kohl hat, der hier regiert, als auch zum Papst, der hier ebenfalls regiert, als auch zum amerikanischen Präsidenten, der hier ebenfalls regiert, da also der königliche Freistaat Bayern alle diese sehr guten Kontakte hat, sind die Inseln an ihrem tatsächlichen Ort im Golf von Guinea auf keiner Karte zu finden, sondern alle Karten tun so, als lägen diese Inseln im Chiemsee. Natürlich tut man auch auf der Krautinsel alles, um uns vorzugaukeln, wir seien im königlichen Freistaat Bayern im Land Deutschland auf dem Kontinent Europa im See namens Chiemsee, aber ich habe haufenweise Belege, die eindeutig belegen, dass wir im Golf von Guinea vor Ghana liegen. Natürlich tut man auch im königlichen Freistaat Bayern alles, um den Leuten vorzugaukeln, die Inseln lägen, wo die Leute glauben, dass sie liegen, also im Chiemsee. Die Leute lügen, das muss man immer im Kopf behalten. Die Krautinsel liegt also im Golf von Guinea, und auf der Krautinsel steht ein Kloster, das aus einem gewissen Missionierungsbestreben der Krautinsel im 19. Jahrhundert hervorgegangen ist. Die Krautinsel hatte damals das Ansinnen, alle Inseln vor den Küsten Afrikas zu Krautinseln zu machen, das heißt Kohl anzubauen, um daraus Sauerkraut herzustellen und dieses auf das gesamte afrikanische Festland zu exportieren. Die Idee war, das Hungerproblem Afrikas durch bayerisches Sauerkraut zu lösen, weshalb man tausende Mädchen vom Festland als Sklavinnen holte, die auf den Krautinseln jeden Vormittag zwischen sieben und zwölf und jeden Nachmittag zwischen eins und sieben in riesigen Fassanlagen mit ihren nackten Füßen Kraut stampfen mussten. Warum sich die Idee nicht durchsetzen konnte und der Export auf das afrikanische Festland bald wieder eingestellt wurde, bleibt rätselhaft, aber zumindest auf unserer Krautinsel, also der echten, der, die wirklich aus dem Chiemsee kommt, baut man bis heute Kohl an, den man teilweise bis heute zu Sauerkraut verarbeitet. Die Mädchen kommen nicht mehr vom afrikanischen Festland, sondern aus Bayern, und gelten entweder als schwer erziehbar, oder als nicht ganz richtig im Kopf, oder aber als vorbildlich katholisch, oder als eine beliebige Kombination dieser drei Dinge, oder als eine beliebige andere Kombination beliebiger anderer drei Dinge, wichtig ist nur, dass es drei Dinge sind, die kombiniert werden, und zwar immer und jederzeit, denn wenn es nicht drei Dinge sind, ist die Welt nicht mehr katholisch, noch nicht einmal mehr protestantisch, und dann ist nichts mehr, wie es ist (das geht nicht). Sauerkrautstampfen ist eine Heilmethode, die sich ein Erziehungswissenschaftler namens Günther Jauch gemeinsam mit einer Heilpraktikerin namens Vera am Mittag ausgedacht hat. Das Mädcheninternat nennen wir intern Anstalt. Wir, das sind in dem Fall Ich. Pluralis Majestatis. Hier bin ich Chef, niemand sonst hat hier was zu melden. Ich kann daher im Pluralis Majestatis sprechen, soviel und solange ich will, und ich kann »Majestatis« auch mit »j« schreiben, wenn ich will.

Die Mure (Auszug)

alles was fällt und hier fällt Vieles fällt schwer was leicht fällt fällt anderen denen die übern Berg wo die Landschaft sich auffaltet hier wo es schwer fällt faltet die Landschaft sich ein zwischen den Hängen den Neigungen die nirgends so steil so geröllig nirgends fällt soviel sich ein fällt ab vom Berg ab von den Spitzen den Gipfeln den Himmeln wir sind nicht die denen schon immer zugefallen die Sprachen das Sprechen die denen niemals das Sprechen verschüttet gewesen ist unter den Abgängen den Abbrüchen vom Berg von den Gipfeln von den Geschichten die toten Föten die verstümmelten die kullern von oben von da wo man erzählt wo man sich selbst erzählt stets trittfest mit gutem Profil unter den Füßen erklimmen sie den Berg die Touristen die Deutschen die sich benehmen als wären sie daheim die sich belaufen die Gäste wie wir sie nennen auf diesen Berg mit dem im Schritt immer besten Profil und dem im Schnitt immer höchsten Gipfel und trotzdem sterben sie immer am ehesten die Gäste mit den guten Profilen wenn sie trotz ihrer guten Profile ihrer sehr guten ihrer am höchsten bewerteten Profile danebentreten auf dem Weg nach ganz oben auf dem weg bloß weg von den Gründen auf dem Weg des Willens und ins Rutschen kommen oder weil über ihnen etwas ins Rutschen kommt und sie mitreißt sie mitnimmt die Gäste die sich so sicher fühlen wie in ihrem eigenen Haus unser Berg ist kein Haus das gehört der Berg der das Tal türmt der es erstürmt mit seinen ureigenen Waffen ist kein Haus niemals ein Haus das gehört oder gehorcht auf den Berg hören man muss auf ihn hören nicht mit Spitzen die den Himmel bestechen ihn zum Gehorchen bringen wollen sondern mit Ohren mit spitzen Ohren hören wenn es beginnt im Berginnern wenn es rumort wenn es zu fallen beginnt und zu rutschen zu rollen im Berg kann man nicht wohnen außer man ist tot die Toten wohnen im Berg der Berg ist so lang schon bewandert in diesen Profilen er will nichts mehr nichts als die Ausrutscher er langweilt sich zu Tode in all den gezählten Schritten den erzählten Geschichten den immer wieder erzählten Geschichten mit ihren Profilen mit ihren höchsten Spitzen mit ihren Spitzensätzen die halten sollen was nicht zu halten ist die halten sollen was sie versprechen die sich versprechen in einer Tour nicht nur in einer in allen Touren auf höchsten Touren die Spitzensätze laufen auf höchsten Touren sie versprechen sich auf höchsten Touren und ihr Versprechen wenn sie den Mund nicht halten können die Spitzensätze wenn sie sagen was nicht zu sagen ist wenn sie sagen was nicht gesagt werden kann wenn es kullert aus ihren Mäulern wenn sie brechen wenn es aus ihnen bricht sich erbricht aus ihren großen Mäulern aus den großen Mäulern der Spitzensätze oben auf dem Berg wo der Gletscher schmilzt wo der Gletscher sich selbst nicht mehr bei sich behalten kann weil der Atem aus ihren Mäulern der Atem der ihre Spitzensätze hervorstößt wenn sie keuchen mit ihren am besten bewerteten Profilen weil sie so viele sind die Touristen die Gäste am Berg die ganz nach oben wollen weil der Atem den sie hervorstoßen mit seinen Spitzen mit seinen abertausenden Spitzen und seinen Temperaturen weit weit weit über Null mit seinen Treibhausgasen die Treibhausgase die sie hervorstoßen aus ihren offenen Mäulern aus ihren großen offenen Mäulern die sie nie schließen der Gletscher geht ein in ihrem Mundgeruch er verabschiedet sich weil sie ihm den Krieg erklärt haben mit ihren Profilen und ihrem Mundgeruch der Mundgeruch kriegt alles am Ende mit seinen Spitzensätzen wenn der Mundgeruch den Gletscher ganz eingenommen hat für sich wenn er ihn ganz bestiegen hat nachdem er ihn nackig gemacht wenn ihm alles gehört dem Mundgeruch ist der Gletscher längst eingegangen in den Berg und abgerutscht und die Brocken die noch nach ihrem Mundgeruch riechen die ihr flüssiger Ton mit sich reißt im Gridlerbach und das ganze Dorf unter sich begräbt

Meine Schwestern und ich sind Mäuse, die jetzt jeden Tag stehlen gehen, da wir uns sonst zu Tode langweilen, und wenn man sich langweilt, hat man nichts zu essen, essen aber muss man, sonst stirbt man, und wir wollen nicht sterben, sondern träumen. Wir wollen nur essen, was wir träumen, deswegen schleichen wir nachts durch die Straßen der Stadt und durchwühlen den Müll, wir, die Armee der Schwestern, die Armada der Armen, mit unseren zarten dünnen Ärmchen machen wir uns nachts an die Kühlschränke der Leute, an die Schränke, in denen sie haltbar machen, was sie sagen, und wenn wir erwischt werden, schneiden wir Fratzen und sind auf und davon. Uns hat noch nie jemand gefasst!

Haus

Die Sprache ist nicht das Haus des Seins, sondern sein Körper, fluider Körper, der anschwillt, besamen will, sich aber nur selbst besamt, Körper, der sich selbst verschlingt, Körper, der atmet, der röchelt, der schwitzt, der gebiert und zersetzt wird von seinen eigenen Exkrementen: Das Haus klingt ja nicht, sondern das Haus bannt den Klang der Körper in seinem Inneren, das Haus überschreibt sich den Körpern, das Haus baut sich auf über den Körpern und macht sie zu seinen Marionetten. Im Haus des Seins kann man nicht wohnen, sondern nur eingehen, aber das ist sie nicht, SIE, die Schrift: Sie kann nicht eingehen, sie muss wuchern und sich verschwenden.